Rede von Kurt Pillmann am 14.10.2017

Vernissage von Marco di Piazza am 14. Oktober 2017

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zur heutigen Vernissage von Werken von Marco Di Piazza.

Ich freue mich sehr, dass Sie gekommen sind, obwohl das Einladungsschreiben die Einführung durch einen Juristen ankündigt. Dies ist ja eigentlich ein Grund, gar nicht erst hinzugehen. Umso mehr freue ich mich, dass Sie gekommen sind und hoffentlich auch bleiben.

Eingedenk des Ausspruchs von Pablo Picasso: „Menschen, die Bilder erklären wollen, bellen für gewöhnlich den falschen Baum an“,– eine Erkenntnis, die sich sicher auch auf Skulpturen und Plastiken übertragen lässt–, möchte ich vermeiden, durch meine einführenden Bemerkungen den Ausstellungsstücken wortreich und vergeblich ihre Vollkommenheit und Dynamik zu nehmen.

Ich darf in diesem Zusammenhang auch an einen weiteren Ausspruch von Picasso erinnern. Auf die Bitte hin, seine Kunst doch endlich zu erklären, antwortete er: „Wenn ich wüsste, was Kunst ist, würde ich es für mich behalten.“ Ich denke, Kunst bleibt immer eine sehr persönliche, emotionale Auslegungssache, ein Freiraum, den jeder für sich selbst entdecken muss. Da bedarf es keiner Erklärungen ausgerechnet von einem Juristen.

Vielleicht interessiert es Sie aber, wie Marco Di Piazza und ich uns kennen gelernt haben und was er mir in langen Gesprächen über sich selbst und sein Werk erzählt hat.

Als ich im Jahr 2001 Präsident des Landgerichts Bonn wurde, fand ich ein gerade neu errichtetes Gerichtsgebäude vor, das über einen architektonisch sehr gelungenen, großzügigen, lichtdurchfluteten Sitzungssaalbereich mit vielen großen weißen Wandflächen verfügt. Damals wurde die Idee geboren, dieses Gebäude der Bonner Öffentlichkeit mithilfe von Kunstausstellungen und Musikveranstaltungen auch außerhalb des Sitzungsbetriebes zugänglich zu machen. Damit verfolgten wir die Absicht, die Justiz aus dem mit ihr oft in Verbindung gebrachten Elfenbeinturm herauszuführen und zugleich den Menschen, die die Gerichtsgebäude oft in Hektik und Aufregung, mit Vorbehalten, Sorgen, teilweise sogar Ängsten betreten, diese wenn nicht zu nehmen, so doch auf Dauer wenigstens zu verringern.

Dieses Konzept hatte  großen Erfolg, insbesondere konnten wir uns vor Künstlern und solchen, die es gerne wären, kaum retten, so groß war die Nachfrage, im Gerichtsgebäude ausstellen zu dürfen. Wir sahen uns daher leider gezwungen, so manchem abzusagen, wobei ich einräumen muss, dass unsere Auswahl emotional und spontan nach Gespür erfolgte.

Als mir und meinen mit verantwortlichen Kollegen im Jahre 2005 Werke von einem mir bis dahin nicht bekannten Künstler, Marco Di Piazza, vorgestellt wurden, waren wir sofort begeistert. Durch die Verbindung von Abstraktem und Gegenständlichem, ihre sparsame Ausarbeitung und Einfachheit, strahlen seine Zeichnungen, Skulpturen und Reliefs filigrane Leichtigkeit, Dynamik, fassbar gewordene Rhythmik und tänzerische Eleganz aus. Durch die Darstellung von Menschen ohne Individualität kann sich jeder in den Personen wieder erkennen und angesprochen fühlen. Den Gedanken und Gefühlen werden keine Grenzen gesetzt. Wir waren sofort davon überzeugt, einen wirklichen Künstler mit eigener, unverwechselbarer Handschrift vor uns zu haben. Die daraufhin noch im gleichen Jahr durchgeführte Ausstellung war aus unserer Sicht ein großer Erfolg. Man konnte beobachten, dass neben den Besuchern der Ausstellung auch viele Prozessbeteiligte, Anwälte und Mitarbeiter des Gerichts, teilweise gedankenverloren versonnen vor den Kunstwerken standen, diese auf sich wirken ließen und darüber rätselten, wie es dem Künstler gelungen war, aus schweren Materialien wie Eisen und Edelstahl gefertigte Skulpturen so wirken zu lassen als –wie es der Generalsanzeiger Bonn einmal zutreffend ausgedrückt hat- „würde der Wind sie jeden Augenblick davontragen.“

Ich glaube auch, dass Marco sehr zufrieden war- und sei’s auch nur, weil der von Wilhelm Busch formulierte Reim:
„Oft trifft man wen, der Bilder malt,
viel seltener wen, der sie bezahlt“
sich in diesem Fall nicht vollständig bewahrheitete. Wegen des großen Anklangs haben wir  im darauf folgenden Jahr 2006 eine weitere erfolgreiche Ausstellung von seinen Werken im Gerichtsgebäude durchgeführt.

Seitdem sind wir freundschaftlich verbunden und ich habe seine weitere künstlerische Entwicklung mit großer Freude verfolgt.

Heute ist er ein Künstler, dessen Werke sich in privaten und öffentlichen Sammlungen in mehr als 20 Ländern befinden. Durch die im Jahr 2016 für die Bonner Universität realisierte Ausstellung „ Dal Reno all‘ Universita` “, bei der auf einem rund 2 km langen Parcour, der vom Rheinufer am Alten Zoll über den Hofgarten bis ans westliche Ende der Poppelsdorfer Allee reichte, sieben Skulpturen aus Eisen und Stahl zu sehen waren, hat er hier in Bonn ein breites öffentliches Interesse auf sich gezogen.

Dennoch ist – wie er mir vor kurzem selbst erzählt hat- seine künstlerische Entwicklung keineswegs abgeschlossen. Anders als andere Künstler, die, wenn sie Erfolg haben, diesen mit Varianten ihrer Werke auch wirtschaftlich zu nutzen suchen, bedeutet für Marco das Erreichen eines künstlerischen Höhepunktes zugleich das Erreichen einer Grenze. Er fühlt sich dann, so seine eigenen Worte,“ wie in einem Gefängnis“. Seine innere Unabhängigkeit verleiht ihm dann aber Kraft und Mut, das hinter sich zu lassen, was er auch nach eigenem Empfinden sehr gut gemacht hat. So war es, als er feststellte, dass er mit seinen mit Pinsel, Tusche und Graphitstift entworfenen Skizzen an die Grenzen der Malerei stieß und sich Skulpturen aus Stein und Bronze zuwandte. Und genauso war es, als er nach Schaffung des faszinierenden Monumentalbrunnens für die Niederlassung des Pharmariesen Glaxo-Smith-Kline in Brüssel 1996 und des faszinierenden Altarreliefs der mittelalterlichen Klosterkirche Sant´ Agostino 1999 in San Gimignano Höhepunkte seines Schaffens in Stein erreicht hatte. Er entwickelte ein starkes Bedürfnis, sich weiterzuentwickeln und ein Material und eine Technologie zu finden, die  geeignet waren, die  von ihm empfundene Grenze zu überwinden und  transparentere, filigranere Skulpturen von besonderer Leichtigkeit zu schaffen. Um mit seinen Worten zu sprechen: “Ich war frei und ich wollte und musste weg.“

Jetzt, nachdem er 17 Jahre lang Plastiken aus Eisen und Edelstahl geschaffen hat, sieht sich Marco erneut an einem Wendepunkt seiner Entwicklung  angelangt. Auslöser sind zwei Ereignisse: Zum einen die Auflösung seines Ateliers in San Gimignano im März diesen Jahres und zum anderen die Schaffung eines Sockels aus bergischer Grauwacke für eine seiner Skulpturen für einen bekannten Bonner Architekten.
Das Ausräumen des Ateliers hat ihn mit vielen Arbeiten konfrontiert, die er in seinem bisherigen Leben geschaffen hatte, die aber in Vergessenheit oder jedenfalls aus den Augen geraten waren. Darunter z.B.  viele ab Mitte der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gefertigte Zeichnungen und Skizzen, die den starken Einfluss seiner Eltern auf seine künstlerische Entwicklung nachvollziehen lassen und die Sie sich heute gerne von ihm zeigen lassen können. Die Beschäftigung mit seinem Archiv und die Beschäftigung mit dem Material Grauwacke haben ihm deutlich vor Augen geführt, dass es einen großen Verlust bedeutet, so viel künstlerische Produktivität in Vergessenheit geraten zu lassen. Daraus ist sein Entschluss erwachsen, diese teils verloren gegangenen künstlerischen Lebenslinien seines bisherigen Schaffens jetzt wieder zu vereinen und einen neuen roten Faden zu suchen.

Ich bin mir sicher, meine Damen und Herren, dass wir von Marco Di Piazza angesichts seines künstlerischen Potenzials, seiner Meisterschaft und Erfahrung auch in Zukunft noch faszinierende Kunstwerke erwarten dürfen.

Dazu wünsche ich Ihm als Freund und Kunstinteressierter  weiterhin Inspiration und Schaffenskraft!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Kurt Pillmann